Den ver­trau­li­chen Fuß im Umgang ableh­nen

Weder sich noch Andern darf man ihn erlau­ben. Wer sich auf einen ver­trau­li­chen Fuß setzt, ver­liert sogleich die Über­le­gen­heit, wel­che sei­ne Unta­del­haf­tig­keit ihm gab, und in Fol­ge davon auch die Hoch­ach­tung. Die Gestir­ne, weil sie mit uns sich nicht gemein machen, erhal­ten sich in ihrem Glanz. Das Gött­li­che gebie­tet Ehr­furcht. Jede Leut­se­lig­keit bahnt den Weg zur Gering­schät­zung. Es ist mit den mensch­li­chen Din­gen so, daß, je mehr man sie besitzt und hält, desto weni­ger hält man von ihnen; denn die offe­ne Mit­tei­lung legt die Unvoll­kom­men­heit offen dar, wel­che die Behut­sam­keit bedeck­te. Mit Nie­man­dem ist es räth­li­ch sich auf einen ver­trau­ten Fuß zu set­zen, nicht mit Höhe­ren, weil es gefähr­li­ch, nicht mit Gerin­ge­ren, weil es unschick­li­ch ist, am wenig­sten aber mit gemei­nen Leu­ten, weil sie aus Dumm­heit ver­we­gen sind, und die Gun­st, wel­che man ihnen erzeigt, ver­ken­nend für Schul­dig­keit hal­ten. Die gro­ße Leut­se­lig­keit ist der Gemein­heit ver­wandt. — Gra­cián 177

Nie von sich und Anwe­sen­den spre­chen

Ent­we­der man lobt sich, wel­ches Eitel­keit, oder man tadelt sich, wel­ches Klein­heit ist; und wie es im Spre­cher Unklug­heit ver­rät, so ist es für den Hörer eine Pein. Wenn nun die­ses schon im gewöhn­li­chen Umgang zu ver­mei­den ist, wie viel mehr auf einem hohen Posten, wo man zur Ver­samm­lung redet, und wo der leich­te­ste Schein von Unver­stand schon für die­sen selbst gilt. Der glei­che Ver­stoß gegen die Klug­heit liegt im Reden von Anwe­sen­den, wegen der Gefahr auf eine von zwei Klip­pen zu sto­ßen: Schmei­che­lei oder Tadel. — Gra­cián 117

Bücher und Fil­me, sind bei­de nicht das­sel­be FREMDE — viel­leicht ansto­ßend Hilf­rei­che?

Die Leu­te, wel­che ihr Leben mit Lesen zuge­bracht und ihre Weis­heit aus Büchern geschöpft haben, glei­chen denen, wel­che aus vie­len Rei­se­be­schrei­bun­gen sich genaue Kun­de von einem Lan­de erwor­ben haben. Die­se kön­nen über Vie­les Aus­kunft ert­hei­len: aber im Grun­de haben sie doch kei­ne zusam­men­hän­gen­de, deut­li­che, gründ­li­che Kennt­niß von der Beschaf­fen­heit des Lan­des. Hin­ge­gen Die, wel­che ihr Leben mit Den­ken zuge­bracht haben, glei­chen Sol­chen, die selbst in jenem Lan­de gewe­sen sind: sie allein wis­sen eigent­li­ch wovon die Rede ist, ken­nen die Din­ge dort im Zusam­men­hang und sind wahr­haft dar­in zu Hau­se. — as 262

Sich dumm lesen

Wann wir lesen, denkt ein Ande­rer für uns: wir wie­der­ho­len bloß sei­nen men­ta­len Pro­ceß. Es ist damit, wie wenn beim Schrei­ben­ler­nen der Schü­ler die vom Leh­rer mit Blei­stift geschrie­be­nen Züge mit der Feder nach­zieht. Dem­nach ist beim Lesen die Arbeit des Den­kens uns zum größ­ten Thei­le abge­nom­men. Daher die fühl­ba­re Erleich­te­rung, wenn wir von der Beschäf­ti­gung mit uns­ren eige­nen Gedan­ken zum Lesen über­gehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den gan­zen Tag lie­st, dazwi­schen aber sich in gedan­ken­lo­sem Zeit­ver­trei­be erholt, die Fähig­keit, selbst zu den­ken, all­mä­lig ver­liert, – wie Einer, der immer rei­tet, zuletzt das Gehn ver­lernt. Sol­ches aber ist der Fall sehr vie­ler Gelehr­ten: sie haben sich dumm gele­sen. Denn bestän­di­ges, in jedem frei­en Augen­blicke sogleich wie­der auf­ge­nom­me­nes Lesen ist noch gei­stes­läh­men­der, als bestän­di­ge Hand­ar­beit; da man bei die­ser doch den eige­nen Gedan­ken nach­hän­gen kann. Aber wie eine Spring­fe­der durch den anhal­ten­den Druck eines frem­den Kör­pers ihre Ela­sti­ci­tät end­li­ch ein­büßt; so der Gei­st die sei­ne, durch fort­wäh­ren­des Auf­drin­gen frem­der Gedan­ken. Und wie man durch zu vie­le Nah­rung den Magen ver­dirbt und dadurch dem gan­zen Lei­be scha­det; so kann man auch durch zu vie­le Gei­stes­nah­rung den Gei­st über­fül­len und ersticken. Denn selbst das Gele­se­ne eig­net man sich erst durch spä­te­res Nach­den­ken dar­über an, durch Rumi­na­ti­on. Lie­st man hin­ge­gen immer­fort, ohne spä­ter­hin wei­ter dar­an zu den­ken; so faßt es nicht Wur­zel und geht mei­stens ver­lo­ren. Ueber­haupt aber geht es mit der gei­sti­gen Nah­rung nicht anders, als mit der leib­li­chen: kaum der funf­zig­ste Theil von dem, was man zu sich nimmt, wird assi­mi­lirt: das Ueb­ri­ge geht durch Eva­po­ra­ti­on, Respi­ra­ti­on, oder son­st ab.

Zu die­sem Allen kommt, daß zu Papier gebrach­te Gedan­ken über­haupt nichts wei­ter sind, als die Spur eines Fuß­gän­gers im San­de: man sieht wohl den Weg, wel­chen er genom­men hat; aber um zu wis­sen, was er auf dem Wege gesehn, muß man sei­ne eige­nen Augen gebrau­chen. — as 291

Selbst­be­stim­mung ist nur ein Schlag­wort, wenn die Zukunft kei­ne Hoff­nung bie­tet

John F. Ken­ne­dy sag­te ein­mal: „Selbst­be­stim­mung ist nur ein Schlag­wort, wenn die Zukunft kei­ne Hoff­nung bie­tet.“ – So ist die Frei­heit an sich zwar edel, schön und gut, aber ohne eine ihr vor­ge­ge­be­ne Richt­schnur, artet die Frei­heit des einen schnell zur Drang­sal des andern aus, wie es auch nach­ste­hen­des Zitat ver­an­schau­licht: „Ein Groß­teil des Leids auf der Welt ist eine direk­te Fol­ge des Miss­brauchs des frei­en Wil­lens.“ — Wel­sch 2013

Durch poli­ti­sche Zen­tra­li­sie­rung gelang es den herr­schen­den Eli­ten in zuneh­men­dem Maße, ihren aus­beu­te­ri­schen Wohl­stand zu bewah­ren

Ich ver­ge­be für die­ses lesens­wer­te Buch trotz­dem nur 4 Ster­ne, weil Pesch­ke letzt­li­ch eine plau­si­ble Erklä­rung für den Unter­gang des römi­schen Rei­ches schul­dig bleibt. Dass das Reich auf­grund von Steu­er­aus­fäl­len in Nord­afri­ka nicht mehr in der Lage war, all sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men, ist zunäch­st eine beschrei­ben­de Dar­stel­lung. Aber war­um konn­ten sich die Van­da­len dort fest­set­zen? Hier emp­feh­le ich die Lek­tü­re von Ace­mo­g­lu / Robin­son „War­um Natio­nen schei­tern“, die auf ein paar Sei­ten auch den Unter­gang Roms the­ma­ti­sie­ren. Ihre The­se: der Unter­gang Roms wur­de ein­ge­lei­tet, als die Repu­blik schei­ter­te. Die Fol­ge: es bil­de­ten sich immer extrak­ti­ve­re Wirt­schafts­for­men her­aus, sprich: durch poli­ti­sche Zen­tra­li­sie­rung gelang es den herr­schen­den Eli­ten in zuneh­men­dem Maße, ihren aus­beu­te­ri­schen Wohl­stand zu bewah­ren, indem die Bedin­gun­gen für neue und inno­va­ti­ve Unter­neh­mer immer schlech­ter wur­den. Ohne Inno­va­ti­on sta­gnie­ren Gesell­schaf­ten jedoch und kön­nen dann nicht mehr auf Umwelt­ver­än­de­run­gen reagie­ren. Unter­stützt wird die­se The­se u.a. durch die Ergeb­nis­se der Kli­ma­for­schung, die zei­gen konn­te, dass die Luft­ver­schmut­zung im 1 Jh. am höch­sten war und dana­ch abge­nom­men hat, ver­mut­li­ch weil die Wirt­schaft bereits im Schrumpf­pro­zess war. Man kann hof­fen, dass letz­te­re The­se noch näher unter­sucht wird, weil es end­li­ch eine plau­si­ble Erklä­rung für das Rät­sel des Schei­terns von Rom sein könn­te. — Schie­le 2014