Das Wesen erken­nen ohne zum Wesen zu wer­den

Das Wesen zu erken­nen, ist der erste Schritt. Man forscht wei­ter, und ver­fe­stigt so eine Ansicht. Nun hat man das Wesen gut erforscht, man glaubt an die Not­wen­dig­kei­ten, und man kennt die Wahr­schein­lich­kei­ten. Trotz aller Kennt­nis und trotz aller Wahr­schein­lich­keit, muss das Unwahr­schein­li­che, das viel­leicht leicht Lächer­li­che, ange­grif­fen wer­den, wenn das Ver­ständ­nis dazu rät.

Nie von sich und Anwe­sen­den spre­chen

Ent­we­der man lobt sich, wel­ches Eitel­keit, oder man tadelt sich, wel­ches Klein­heit ist; und wie es im Spre­cher Unklug­heit ver­rät, so ist es für den Hörer eine Pein. Wenn nun die­ses schon im gewöhn­li­chen Umgang zu ver­mei­den ist, wie viel mehr auf einem hohen Posten, wo man zur Ver­samm­lung redet, und wo der leich­te­ste Schein von Unver­stand schon für die­sen selbst gilt. Der glei­che Ver­stoß gegen die Klug­heit liegt im Reden von Anwe­sen­den, wegen der Gefahr auf eine von zwei Klip­pen zu sto­ßen: Schmei­che­lei oder Tadel. — Gra­cián 117

Bücher und Fil­me, sind bei­de nicht das­sel­be FREMDE — viel­leicht ansto­ßend Hilf­rei­che?

Die Leu­te, wel­che ihr Leben mit Lesen zuge­bracht und ihre Weis­heit aus Büchern geschöpft haben, glei­chen denen, wel­che aus vie­len Rei­se­be­schrei­bun­gen sich genaue Kun­de von einem Lan­de erwor­ben haben. Die­se kön­nen über Vie­les Aus­kunft ert­hei­len: aber im Grun­de haben sie doch kei­ne zusam­men­hän­gen­de, deut­li­che, gründ­li­che Kennt­niß von der Beschaf­fen­heit des Lan­des. Hin­ge­gen Die, wel­che ihr Leben mit Den­ken zuge­bracht haben, glei­chen Sol­chen, die selbst in jenem Lan­de gewe­sen sind: sie allein wis­sen eigent­li­ch wovon die Rede ist, ken­nen die Din­ge dort im Zusam­men­hang und sind wahr­haft dar­in zu Hau­se. — as 262

Sich dumm lesen

Wann wir lesen, denkt ein Ande­rer für uns: wir wie­der­ho­len bloß sei­nen men­ta­len Pro­ceß. Es ist damit, wie wenn beim Schrei­ben­ler­nen der Schü­ler die vom Leh­rer mit Blei­stift geschrie­be­nen Züge mit der Feder nach­zieht. Dem­nach ist beim Lesen die Arbeit des Den­kens uns zum größ­ten Thei­le abge­nom­men. Daher die fühl­ba­re Erleich­te­rung, wenn wir von der Beschäf­ti­gung mit uns­ren eige­nen Gedan­ken zum Lesen über­gehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den gan­zen Tag lie­st, dazwi­schen aber sich in gedan­ken­lo­sem Zeit­ver­trei­be erholt, die Fähig­keit, selbst zu den­ken, all­mä­lig ver­liert, – wie Einer, der immer rei­tet, zuletzt das Gehn ver­lernt. Sol­ches aber ist der Fall sehr vie­ler Gelehr­ten: sie haben sich dumm gele­sen. Denn bestän­di­ges, in jedem frei­en Augen­blicke sogleich wie­der auf­ge­nom­me­nes Lesen ist noch gei­stes­läh­men­der, als bestän­di­ge Hand­ar­beit; da man bei die­ser doch den eige­nen Gedan­ken nach­hän­gen kann. Aber wie eine Spring­fe­der durch den anhal­ten­den Druck eines frem­den Kör­pers ihre Ela­sti­ci­tät end­li­ch ein­büßt; so der Gei­st die sei­ne, durch fort­wäh­ren­des Auf­drin­gen frem­der Gedan­ken. Und wie man durch zu vie­le Nah­rung den Magen ver­dirbt und dadurch dem gan­zen Lei­be scha­det; so kann man auch durch zu vie­le Gei­stes­nah­rung den Gei­st über­fül­len und ersticken. Denn selbst das Gele­se­ne eig­net man sich erst durch spä­te­res Nach­den­ken dar­über an, durch Rumi­na­ti­on. Lie­st man hin­ge­gen immer­fort, ohne spä­ter­hin wei­ter dar­an zu den­ken; so faßt es nicht Wur­zel und geht mei­stens ver­lo­ren. Ueber­haupt aber geht es mit der gei­sti­gen Nah­rung nicht anders, als mit der leib­li­chen: kaum der funf­zig­ste Theil von dem, was man zu sich nimmt, wird assi­mi­lirt: das Ueb­ri­ge geht durch Eva­po­ra­ti­on, Respi­ra­ti­on, oder son­st ab.

Zu die­sem Allen kommt, daß zu Papier gebrach­te Gedan­ken über­haupt nichts wei­ter sind, als die Spur eines Fuß­gän­gers im San­de: man sieht wohl den Weg, wel­chen er genom­men hat; aber um zu wis­sen, was er auf dem Wege gesehn, muß man sei­ne eige­nen Augen gebrau­chen. — as 291